Mittwoch, 22. April 2015

Wo geht die Reise hin?

#Weltenbummlerin #Reisefetischistin #Weltreiseplanerin #Wanderlust #Fernweh #Gypsy
Altersgruppe 22 - 30, Radius 12km und nahezu kein Mädchen, dass nicht einen dieser hashtags verwendet, um sich zu definieren.

"Take nothing but memories, leave nothing but footprints", "Pura Vida", "La vie est belle", "hakuna matata" - Wer sich nicht über seine interkulturelle Kompetenz profilieren kann oder es schlicht nicht tut, dürfte es schwer haben in einer Welt, in der sich bei der Partnervorauswahl nicht mehr auf ein Gefühl verlassen wird, sondern jeder Entscheidung wie beim Abschluss einer Lebensversicherung eine Kranken- bzw. Reisegeschichte zu Grunde gelegt wird, belegt, abgerundet und entschieden beeinflusst durch individuelle Selfie- und Zweizeiler-Skills.
Interkulturell ersetzt in großen Teilen Interpersonell.

Na da haben wir doch was im Angebot: mehr als 50 besuchte Länder, multilingual, Hummeln im Hintern und ausländische Tattoos auf den Armen, die Gott sei Dank keine mittlerweile durch Überdruss in die Arschgeweih-Ecke getriebenen chinesischen Schriftzeichen sind.
Schnell nochmal bei Facebook gepostet "19 things only people who have
.properly backpacked
.lived in the Indian Ocean
.travelled Central America
will understand". Läuft bei mir!

Aber ist es das? Jetzt mal ganz ehrlich:


Mehr als drei Jahre ist der Startschuss zum letzten langen Auslandsaufenthalt her.
Fast beiläufig sind im jährlichen Reißaus seitdem die Malediven und Sri Lanka mit dem Zeigefinger auf der Landkarte gestreichelt, im Finalstadion in Rio Tränen der Freude vergossen und Weltmeere auf Kreuzfahrtschiffen überquert worden.
Und auch wenn man mit letzterem im Mikrokosmos der Massen-Pseudo-Individualität einer thailändischen Backpackerfähre nur wenig Credibility einheimst, immerhin ist es wieder etwas anderes, etwas fern von zu Hause liegendes gewesen. (Gott bewahre man würde zweimal das gleiche Fernstreckenziel wählen.)

Und trotzdem steht kurz vor dem 30. Geburtstag die Erkenntnis, dass die längste Strecke in der Vergangenheit nicht auf den Land-, Luft- und Seewegen zurücklegt wurde.
Vielmehr hat man auf seiner inneren Reise rund um die Frage nach der Sinnhaftigkeit und richtigen Ausrichtung des eigenen Lebens einen Trampelpfad hinterlassen, der so tief liegt, dass die Strecke höchstens abfällig weil zu touristisch im "Lonely Planet für die Seele" Erwähnung fände.

Und so muss die Gretchenfrage vor dem nächsten Schritt lauten, ob man beim ganzen Kofferpacken denn auch tatsächlich für sich herausgefunden hat, dass das Reisen die eigene Welt im Innersten zusammen hält, oder ob man so klug ist als wie zuvor und in Wirklichkeit nur jedesmal vor einer langfristigen Entscheidung flüchtet.
Oder konkreter formuliert: Empfinde ich einen sehr guten Job in einer guten Stadt, die Feierwünsche zu befriedigen weiß und ausreichend Abwechslung bietet tatsächlich mangels Strandleben als ungenügend? Und wenn ja, ist der Drang zum Reisen dann in diesem Szenario Ursache oder Ergebnis?

Hat sich die Wanderlust am Ende nicht vielleicht verselbstständigt und ist nichts anderes mehr als die Dauerflucht vor der Verantwortung für die eigene Zukunft, wenn man mal von den Vorzügen der neuen Selfies für das Profil-pimpen absieht?

Für diese Vermutung spricht, dass man bei jeder größeren Reise behäbiger und unfokussierter wird, je länger sie dauert.
Verbringt man zu Beginn noch maximal ein zwei Tage am gleichen Ort und krakselt jeden noch so unbeeindruckend daherkommenden Berg hoch, schaltet man mit fortschreitendem Kilometerstand in den Müßiggang und später dann in den Leerlauf.
Und wenn der innere Rundkurs sich auf Reisen nun doch als Dauerschleife erwiesen hat, kann ein weiterer Start auf durchweichtem Geläuf doch eigentlich gar keine (neue) Erkenntnis mehr bringen.
- Reisen zum Zwecke der Erleuchtung entwickelt sich mit der Zeit also zu einem Trugschluss. -

Alle notwendigen Informationen für meine Entscheidung müsste ich also bereits jetzt irgendwo in mir tragen.
Aber wie lautet denn überhaupt die Messgröße, an der sich alles Handeln für einen selber jetzt orientieren sollte? Beitrag für eine bessere Welt in Kilogramm? Oder eben doch Profilierung in Likes und resultierende Anziehungskraft in Matches?

Wenn man mal unterstellt, dass ein Letzterer die Halbwertzeit des gleichsprechenden Streichholzes hat, kann man diesen Zielzustand wohl umgehend ausschließen und sollte sich dringendst bei Tinder abmelden (zumindest wenn man dort die Langzeitlösung sucht).
- Auszeit zum Zwecke der Leuchtkraft kann also auch nicht das Ziel sein. -

Bleibt Selbstzweck zur Begründung der nächsten langen Abwesenheit.
Dass ein langer Urlaub dabei eine Zeit des Wohlbefindens ist, steht zunächst einmal außer Frage. Und so liegt die Vermutung nahe, dass er im direkten Vergleich zum (Arbeits-)Alltag immer klar die Oberhand behält. Dies sollte im Normalfall auch dann noch gelten, wenn man in die Reise die melancholischen Täler mit einbezieht, durch die man zeitweise schreitet (Happy Aua).

Wenn allerdings davon auszugehen ist, dass die Auszeit nicht ewig anhalten kann, muss man zur vollständigen Beurteilung auch die Nachhaltigkeit heranziehen und gegen ein ebenso langfristiges Alternativszenario abgleichen.
Um dabei zu einem anderen Ergebnis kommen zu können, müsste das, was zeitgleich daheim erlebt werden kann, für die Zukunft ein größeres Glück liefern können, als die Erinnerung an das und die Erfahrung aus dem auf der Reise erlebte(n).

Dass genau das möglich ist, zeigen all diejenigen, die dem, was mittlerweile zur Norm geworden ist, nämlich dem Schrei nach Weltenbummlertum, nicht entsprechen und trotzdem glücklich sind.
Oftmals zeigen sie Unmut und Reue einzig dann, wenn wir Ihnen mit unserer ach so tollen, eigens definierten Weltgewandheit vor der Nase rumwedeln. Dass dieser aber nur darauf zurückzuführen ist, dass  wir Ihnen dabei vielmehr ein subjektives Zielbild vor Augen halten als einen Spiegel, zeigt sich in ihrem unbeeinflussten Teil des Lebens.
Keiner von Ihnen erweckt den Eindruck eines interkulturellen Banausen und jeder fühlt sich auf die eine oder andere Weise sehr wohl in seinem Leben.

Und deshalb macht es zu aller letzt den Eindruck, dass nicht entscheidend ist, wofür man sich entscheidet. Entscheidend ist Entschlossenheit.


Wenn ich mich dieser so sachlich wie möglich nähern möchte, stehen folgende Dinge fest:

Ich mag die Zeit, in der ich tun und lassen kann, was ich will mehr als die, in der mir Arbeit fremddiktiert wird.
Ich verbringe diese Zeit dann gerne an einem anderen als dem Ort, an dem ich mich sonst eh schon rumtreibe.
In unserer Natur liegt es begründet, dass wir dabei Sonne besser finden als Regen, auch wenn wir letzteren hin und wieder auch perfekt finden können.
30 Tage oder 150? Egal. Hauptsache nie wieder weniger (Kahnemann).
Wo dieser Ort ist? Irgendwann hoffentlich überall, weil ich die einzige Person, die ich außer mir jemals mit der Vielreiserei beeindrucken wollte, dann an meiner Seite habe.
Dann sicherlich gefunden ohne Hashtag, aber dafür geliebt an jedem Scheißtag.

In keinem Moment verantwortlich gemacht für das was ich nicht habe.
In jedem Moment auf Händen tragend für das was mir keiner nehmen kann.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen